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Berliner Institut für Islamische Theologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Berliner Institut für Islamische Theologie | Forschungsgruppen | NWG "Islamische Theologie im Kontext: Wissenschaft und Gesellschaft"

Nachwuchsforschungsgruppe "Islamische Theologie im Kontext. Wissenschaft und Gesellschaft" (gefördert durch das BMBF)

Ziel der Nachwuchsforschungsgruppe (NWG) ist es, den praktischen Vollzug bzw. die Performanz des Religiösen stärker ins Blickfeld islamtheologischer Forschung zu rücken. Damit sollen die Wissensbestände und Bezüge der islamischen Theologie um die verschiedenen Bereiche und Konzepte der Praxis erweitert werden. Perspektivisch soll die NWG sowohl zur weiteren wissenschaftlichen Fundierung der islamischen Theologie in Deutschland als auch zu übergreifenden Fragen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften beitragen. Die auf diesem Weg erlangten Erkenntnisse sollen schließlich in verschiedene gesellschaftlich relevante Anwendungsbereiche hineinwirken (z.B. Bildungssektor, Bereiche der Praktischen Theologie, Religionspädagogik, Soziale Arbeit, Sozialethik).

Theoretische Ausrichtung

Die heutige islamisch-theologische Forschung in Deutschland befasst sich primär mit textlichen Quellen, religionspädagogischen Konzepten und historischer sowie gegenwartsgezogener islamischer Ideengeschichte. Der Bereich der (religiösen) Praxis wird dabei noch zu sehr vernachlässigt oder spielt lediglich eine nachrangige Rolle. Unsere Nachwuchsgruppe hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, diese praktische Dimension des Religiösen umfassend zu analysieren und sie damit für die theologische Reflexion stärker zugänglich zu machen. Auf diese Weise soll die islamische Theologie in Deutschland weiter konkretisiert und ihr Mehrwert für die Gesellschaft deutlicher herausgearbeitet werden.

Für unseren Praxisbegriff verwenden wir praxistheoretische Zugänge und unterscheiden als einen gemeinsamen theoretischen Ausgangspunkt zwischen den drei Begriffen religiöse Praktiken, religiöse Praxis und Religionspraxis.

Religiöse Praktiken sind die eine Praxis ausmachenden konkreten Abläufe. Sie bilden die kleinste Analyseeinheit und bestehen aus den Aktivitäten von Menschen. Praktiken vollziehen sich zeit-, raum- und situationsabhängig zwischen Körpern und Materialitäten. In ihnen ist ein sogenanntes praktisches Wissen, ein „Know-How“, verankert.

Religiöse Praxis ist eine Verkettung von Praktiken, in denen körperliche Routinen und praktische Fähigkeiten zum Tragen kommen. Sie folgt einer ihr eigenständigen Logik, die von den Beteiligten nicht immer rational begründet wird. Es handelt sich hier also nicht um die Anwendung bewusst reflektierter Normen oder Regeln, sondern um praktisch eingeübte Verhaltensweisen. Das dafür notwendige praktische Wissen ist durch Sozialisation und Erziehung erlernt, durch Erfahrung gefestigt und für die handelnden Personen mit Sinn belegt. Dies setzt somit eine soziale wie kulturelle Verfasstheit voraus.

Unter Religionspraxis ist das Praktizieren von Religion und Spiritualität im Sinne der bewussten und reflektierten Anwendung mit dem Ziel der Heilserlangung zu verstehen. Im Unterschied zur religiösen Praxis, die sich primär durch eine vorreflexive Religiosität auszeichnet, liegt hier eine bewusst reflektierte Religiosität vor, in der Handlungen als islamisch-religiös benannt und entwickelt werden.

Praxis verstehen wir nun insofern als islamisch-religiös, als sie sich innerhalb einer „islamischen Tradition“ verortet und mithilfe eines praktischen Wissens um (islamische) Religion und Spiritualität zusammengehalten wird. Zugleich erweitert unser Praxisbegriff die Grenzen des Religiösen, so dass auch Praktiken und Praxen ins Blickfeld geraten, die nur indirekt als religiöse bzw. islamische zu erkennen sind. Methodisch wenden wir eine große Bandbreite an: Feldforschungen, unter die z. B. die teilnehmende Beobachtung, Feldnotizen und Interviews, Material- und Medienanalysen fallen, aber auch Diskursanalysen werden eingesetzt, um religiöse Praktiken, religiöse Praxis und Religionspraxis wissenschaftlich zu erschließen.

Im Rahmen zweier PostDoc-Projekte und zweier Promotionsvorhaben akzentuieren wir die Praxis als eigenständigen Forschungsgegenstand. Wir wollen Praxis umfassender denken und sie nicht nur als Abgleich oder Anwendung normativen Wissens verstanden wissen. Praxis geht daher beispielsweise über Kategorien wie ḥalāl und ḥarām hinaus. Wir nehmen damit die Vielfalt der Praxis mit ihren unterschiedlichen Ausführungen, Deutungen und lebensweltlichen Verortungen in den Blick. In unseren Forschungsprojekten identifizieren und untersuchen wir Formen, Produktion, Zirkulation und Autorisierung von religiösen Praktiken, religiöser Praxis und Religionspraxis in Deutschland. Die transkulturellen, interkonfessionellen und sich zum Teil widerstreitenden islamisch-religiösen Formierungen bilden in ihrer Mannigfaltigkeit hierbei den gesellschaftlichen Kontext. Wir gehen gegenwartsbezogen, empirisch und interdisziplinär vor, ohne die historische und ideengeschichtliche Dimension der Forschungsgegenstände zu vernachlässigen. Als verbindende Elemente durchziehen sozialtheoretische Konzepte der Materialität, der Inkorporation und des Raums unsere verschiedenen Forschungsgegenstände:

Inkorporation/Embodiment: Praktiken werden von menschlichen Körpern ausgeführt. Das stellt den Körper an sich, seine Bewegungen, Sprechakte, Emotionen und Verfasstheiten in den Mittelpunkt von Praktiken. Durch Erfahrung speichert sich im menschlichen Körper das Wissen darum, wie sich eine Praktik im entsprechenden Moment zu vollziehen hat. Praktisches Wissen wird gleichsam in den Körper eingeschrieben, und zwar sowohl mithilfe expliziter pädagogischer Interventionen als auch implizit durch stille Pädagogik, Nachahmung und Aneignung. In diesem Zusammenhang dienen uns Konzepte wie Habitus, Sozialisation, Routine und Improvisation als wichtige analytische Kategorien. Verkörpertes Wissen ist demnach nicht gleichzusetzen mit individuellen Charaktereigenschaften oder einmaligen punktuellen Ereignissen. Es ist als zeit- und personenübergreifendes sozial geteiltes Wissen zu analysieren.

Materialität: Praxistheoretische Perspektiven auf Religion heben deren materielle Dimension ausdrücklich hervor. Körperliches Tun vollzieht sich immer auch unter Einbezug von Objekten, zumal Objekte zu bestimmten Aktivitäten auffordern und damit konkrete Praktiken ermöglichen. Umgekehrt sind es erst die Praktiken, die mit darüber bestimmen, welche Wirkungen Objekte entfalten können. Materialität ist damit ein konstitutives Element in der Herstellung und Reproduktion auch von Religion als praktischem Vollzug.

Raum/Räumlichkeit: Praktiken ereignen sich in Räumen (space), zeichnen sich also im Wesentlichen durch ihre Räumlichkeit aus. Zum einen umfasst Räumlichkeit konkrete lokale Orte, die eine materielle Form besitzen, sowie translokale Orte, die eben nicht auf einen Ort festgelegt sind. Zum anderen wird ein abstraktes Verständnis von Raum in den Fokus gerückt, nämlich diskursive Räume, die durch die Wechselwirkung zwischen Struktur, Diskurs und Praktiken hergestellt werden. Für Praktiken heißt dies, dass sie ebenso auf einen Raum einwirken, wie sie von diesem beeinflusst werden. Auf diese Weise erst werden etwa (nicht-)religiöse bzw. (nicht-)sakrale Räume erzeugt. In unserer Konzeption ist Raum also nicht einfach ein Hintergrund, vor dem sich die Dinge abspielen, sondern vielmehr ein soziales Produkt, das im fortlaufendem Wechselverhältnis von Raum und Praktiken hergestellt wird.