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Abb.: M. Zalewski

Berliner Institut für Islamische Theologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Berliner Institut für Islamische Theologie | Aktuelles | Statement von Direktor Prof. Dr. Michael Borgolte über die Lage des BIT, 57. Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung des Abgeordnetenhauses Berlin

Statement von Direktor Prof. Dr. Michael Borgolte über die Lage des BIT, 57. Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung des Abgeordnetenhauses Berlin

Auf Antrag der CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses Berlin wurde der Direktor des Berliner Instituts für Islamische Theologie, Prof. Dr. Michael Borgolte, gebeten, in der 57. Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung am 16.11.2020 über die jüngsten Entwicklungen und derzeitige Lage des Instituts zu berichten. Im Folgenden geben wir sein Statement im Wortlaut wieder:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

Ihrer Einladung, über die Lage des Berliner Instituts für Islamische Theologie (BIT) an der Humboldt-Universität (HU ) zu sprechen und Ihre Fragen zu beantworten, bin ich gern gefolgt.

  • Das BIT wurde nach mehrjähriger Vorbereitung am 1.10.2019 eröffnet; wir befinden uns also zur Zeit im dritten Semester. Nachdem wir mit einem Bachelorstudiengang für Islamische Theologie begonnen hatten, konnten wir jetzt auch für den BA-Studiengang Bildung an Grundschulen im Studienfach Islamische Theologie immatrikulieren.
  • Von den sechs geplanten Professuren (vier aus dem Landeshaushalt, zwei durch BMBF-Förderung) sind bis heute vier besetzt. Bei den beiden restlichen waren die ersten Berufungen nicht erfolgreich, so dass sie neu ausgeschrieben werden. Bei einer („Vergleichende Theologie aus islamischer Perspektive“) haben wir uns zur Zweitausschreibung nicht mehr nach W 3, sondern nach W 1 (Juniorprofessur mit Tenure Track) entschlossen. Das Verfahren ist im Gange, ich rechne mit einer Dreierliste sehr guter Kandidat*innen bis Ende 2020. Für die andere Professur (W 3 für „Textwissenschaft“, u. a. Koranwissenschaft) haben wir den Gremien der HU eine erneute Ausschreibung nach W 3 empfohlen, da dies die besten Aussichten für eine erfolgreiche Besetzung zu bieten scheint.
  • Bei den abgelehnten Rufen handelte es sich durchweg um etablierte, also bereits auf Professuren installierte Personen, während die vier Rufannahmen Wissenschaftler*innen im Durchschnittsalter von genau 35 Jahren betreffen. Das BIT hat also ein ausgesprochen junges Gesicht, und das dürfte sich durch die Besetzungen der beiden vakanten Professuren nicht verändern.
  • Die berufenen Kolleg*innen sind von sehr gutem bis überragendem Niveau und haben schon jetzt dafür gesorgt, dass das BIT in der Fachcommunity, in der HU und in der Berliner Wissenschaftslandschaft hohen Respekt genießt. Die jungen Kolleg*innen haben ein vielversprechendes Forschungsprojekt „Wege zu einer Ethik. Neue Ansätze aus Theologie und Recht zwischen modernen Herausforderungen und islamischer Tradition“ etabliert, das sich u. a. mit Fragen der Sexualethik befasst. Bemerkenswert ist bisher auch die Arbeit der vom BMBF geförderten Nachwuchsgruppe „Islamische Theologie im Kontext: Wissenschaft und Gesellschaft“, die an Projekten anderer Religionen in Berlin partizipiert, die etwa die Weiterbildung von Beschäftigten in der sozialen Arbeit fördern wollen. Die Professor*innen und anderen Forscher*innen des BIT haben sich auch mit den Kolleg*innen der Katholischen Theologie sowie mit der Jüdischen Theologie in Potsdam zusammengeschlossen, um ein gemeinsames, intertheologisches Graduiertenkolleg zu beantragen. Die Beratungen sind sehr intensiv und kollegial und sollten im kommenden Jahr zur Vorlage eines Antrags führen.
  • Einschließlich der beiden Nachwuchsgruppen, der Drittmittelbeschäftigten und der Lehrstuhlmitarbeiter*innen sind zur Zeit mehr als zwei Dutzend Islamtheolog*innen am BIT tätig. Darunter befinden sich auch einige aus dem Ausland.
  • Die vielerorts gehegte Befürchtung, dass der Beirat das BIT zu einer konservativen Ausrichtung, was auch immer darunter zu verstehen wäre, drängen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil ist es gelungen, weltoffene und kritische Theolog*innen zu berufen, die in ihrer Arbeit sowohl den theoretischen Ansprüchen ihrer Wissenschaft, als auch dem berechtigten Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit gerecht werden. Der Beirat hat ausnahmslos alle Vorlagen der Universität, also Personalvorschläge und Studien- sowie Prüfungsordnungen, gebilligt, fast immer einstimmig. Nur in einem Fall mussten wir heftig um seine Zustimmung ringen, da die Lebensgeschichte und -weise der vorgeschlagenen Person den Vertreter*innen der Verbände äußerste Kompromissbereitschaft abverlangten. Aber auch hier wurde der Vorschlag der universitären Gremien akzeptiert. Es zeigt sich, dass wir zurecht angenommen hatten, dass sich unsere am Maßstab der Bestenauswahl orientierten Vorschläge am Ende durchsetzen würden. Auch wenn Vertreter*innen sogenannter liberaler Verbände im Beirat vertreten wären, hätten wir bei der Personalrekrutierung keine anderen oder gar besseren Ergebnisse erzielen können.
  • Zum Schluss einige Worte zu den Studierenden. Zur Zeit sind rund 150 für das Fach immatrikuliert; wir werden auch im SS 21 ausschreiben, so dass die erwartete Menge von 80 pro Jahr erheblich überschritten werden wird. Etwa 57% sind weiblich, was dem Durchschnitt der anderen Fächer an der HU entspricht. Berlinerinnen und Berliner dürften weit überwiegen, aber es gibt auch Ausländer*innen unter unseren Studierenden, so etwa Erasmus-Stipendiat*innen aus Frankreich.
  • Weitere Eindrücke zu sammeln, ist unter Coronabedingungen, also beim Online-Unterricht, nicht einfach. Ich habe aber die zur Zeit sieben Professor*innen und Gastdozent*innen danach gefragt, was sich ihre Studierenden wohl vom Studium versprechen und welche Berufsziele sie angeben. Was ich dazu weitergeben kann, sind Impressionen, nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung.
  • Tatsächlich erwarten offenbar manche Erstsemester vom Studium eine Vertiefung ihres Glaubens; alle Dozent*innen berichten davon, dass sie aber rasch vermitteln könnten, dass Theologie eine kritische Wissenschaft ist. Ich zitiere einen unserer Gastdozenten, der bisher in New York gelehrt hat: „Vereinzelt könnte es den Studenten tatsächlich um Glaubensvertiefung gehen. Mein Eindruck ist aber, dass eine deutliche Mehrheit der Student_innen sich durchaus dessen bewusst ist, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der theologischen Tradition im Vordergrund steht. Diese Haltung entnehme ich den Wortmeldungen und den Diskussionsverläufen. Meine historisch-kritischen Einwürfe werden von den Student_innen durchweg aufgenommen und diskutiert. Dabei bin ich besonders angetan von dem reflektierenden und lernbereiten Zugriff auf den Diskussionsgegenstand. Alles in allem, muss ich gestehen, dass ich ungewöhnlich positiv gestimmt bin, mit Blick auf Lernziele und Kompetenzvermittlung.“ Eine andere Dozentin berichtet anschaulich vom Prozess der wissenschaftlichen Sozialisation: „Grundsätzlich machen die Studierenden einen aufgeweckten und interessierten Eindruck und ich habe das Gefühl, dass es sich um eine bunte Mischung handelt. Bezüglich der Differenzierung von Wissenschaft und Verkündigung hatte ich schon eine Debatte mit zwei Studierenden bezüglich des Verzichts auf die Segensformeln in wissenschaftlichen Texten; vereinzelt kommt es immer wieder mal vor, dass Studierende diese anführen möchten, was aber grundsätzlich in Fachtexten abzulehnen ist. Die Argumente gingen stets emotional in die Richtung: Warum diktiert uns der Westen, wie wir unsere islamische Theologie gestalten? Das alles sind aber besonders im ersten Semester und auch am Anfang einer neuen Institution normale Debatten, das ändert sich recht schnell mit Fortschreiten der Lehre.“
  • Bemerkenswert ist, dass auffällig viele Studierende aus anderen Fächern kommen und sich darüber informieren wollen, was es mit der islamischen Theologie auf sich hat. Offenbar handelt es sich hier auch um eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Menschen ohne jegliche religiöse Bindung. Es gibt auch einige Fachwechsler von der Islamwissenschaft (FU) zur Islamtheologie (HU).
  • Soweit die Studierenden überhaupt schon eine Vorstellung von ihrem künftigen Beruf haben, fällt eine breite Ablehnung von Tätigkeiten in den Moscheegemeinden (insbesondere bezüglich des Imamats) auf; demgegenüber wird häufig der Lehrerberuf als Perspektive genannt.
  • Soweit mein Bericht. Ich bedanke mich nochmals für Ihr Interesse und hoffe, dass ich dazu beitragen konnte, eine möglicherweise vorhandene Skepsis abzubauen. Das BIT hat einen eindrucksvollen Start hingelegt und verspricht zu einem herausragenden Standort der Islamtheologie und des intertheologischen Diskurses überhaupt zu werden. Darüber werden ich oder meine Nachfolger*innen Ihnen bei anderer Gelegenheit gern mehr berichten, während sich besorgte Nachfragen nach dem Zustand des Instituts sicher erübrigen werden.